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Christoph Schnetter, Stadtplaner im Ruhestand

"Heute kann ich andere einfach so annehmen, wie sie sind."

ArtikelLesezeit: 4:00 min.

Christoph Schnetter, 72, Stadtplaner im Ruhestand

Christoph Schnetter hat sich schon immer dafür interessiert, Menschen zusammenzubringen. Neben seiner Tätigkeit als Stadtplaner arbeitete er auch als Mediator. Doch erst in einem Achtsamkeitskurs kurz vor dem Ruhestand lernt er, was es heißt, Menschen in ihrer Andersartigkeit bedingungslos anzunehmen und zu verstehen.

„Du wirst sehen, das wird uns als Paar guttun“, hatte meine Frau gesagt, als sie vor vier Jahren anregte, einen Achtsamkeitskurs zu besuchen. Wir hatten zwar keine wirklichen Probleme in unserer Beziehung, doch es war klar, dass uns durch den Ausstieg aus dem geregelten Arbeitsleben eine Phase der Veränderung bevorstand, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen würden. Wir wollten unseren Umgang miteinander einfach etwas bewusster und freundlicher gestalten. Dass der Kurs und das, was ich dort gelernt habe, nicht nur die Beziehung zu meiner Frau verändern würde, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt.

„Schaut freundlich auf das, was ist. Egal, was es ist“, sagte unsere Kursleiterin damals in der ersten Stunde. „Freundlich schauen“ bedeute nichts anderes als ein offener Blick – also ohne zu bewerten, erklärte sie. Um zu diesem offenen Blick zu gelangen, gibt es eine ganz simple Übung, die ich auch heute noch jeden Morgen praktiziere: Ich liege dann auf dem Teppich in meinem Wohnzimmer, Augen auf, Arme neben dem Körper und dann mache ich nichts anderes, als dass ich auf meinen Atem schaue. In der Achtsamkeit nennt man das „Gewahrwerden“. Damit ist gemeint, dass man keinen gerichteten, suchenden, kritischen Blick einnimmt, sondern wirklich nur aufnimmt und registriert.

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"Dass der Kurs und das, was ich dort gelernt habe, nicht nur die Beziehung zu meiner Frau verändern würde, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt."
Christoph Schnetter

Oft sind da Gefühle, die man den ganzen Tag verdeckt mit sich rumträgt

Meistens ist es dann so, dass irgendein Gefühl, ein Gedanke oder eine Körperempfindung auftaucht. Dann warte ich, was passiert, bewerte nichts, werde mir nur bewusst, welche Empfindungen da sind. Oft sind da Gefühle, die man sonst den ganzen Tag verdeckt mit sich rumträgt und gar nicht bemerkt. Die dann aber in Konfliktsituationen unbewusst mitschwingen und dazu führen, dass man auf eine bestimmte Art und Weise reagiert, die vielleicht gar nichts mit der konkreten Situation zu tun hat.

Durch das regelmäßige Üben gelang es mir immer einfacher, diesen offenen Blick einzunehmen. Und irgendwann legte sich dann der Schalter um und ich begann, auch andere Menschen mit anderen Augen zu sehen, nicht mehr zu bewerten, sondern einfach in ihrer Andersartigkeit anzunehmen. Das fing bei Kleinigkeiten an, wenn es zum Beispiel darum ging, dass meine Frau und ich unterschiedliche Ansichten über Ordnungsfragen hatten. Aber schon sehr bald merkte ich, dass ich diese neue Haltung auch in der Beziehung mit Freunden und im Umgang mit völlig Fremden einnehmen konnte.

Manchmal fühlt man sich angegriffen, weil jemand eine andere Meinung hat

Normalerweise fährt man ja in ganz vielen Situationen im Alltag so eine Art Schutzschirm hoch, weil man schon vorwegnimmt, dass der andere einem was Böses will. Man fühlt sich angegriffen, einfach nur, weil der andere eine Meinung hat, die von der eigenen abweicht und so weiter. Durch den achtsamen Umgang mit mir selbst und mit meinen eigenen Gefühlen habe ich gelernt, dass ganz viele automatische Reaktionsmuster in Konflikten gar nichts mit meinem Gegenüber zu tun haben. Sondern nur mit mir selber. Mit Erfahrungen, die ich vielleicht irgendwann früher einmal gemacht habe und jetzt auf die Situation projiziere. Und genauso geht es auch meinem Gegenüber. Wenn man es schafft, das zu verinnerlichen, dann braucht man diesen Schutzschirm nicht mehr, denn dann kann man den anderen in seinem Anderssein plötzlich viel besser verstehen und annehmen.

Mich hat diese Erkenntnis unheimlich berührt, denn gerade in den Zeiten, in denen wir heute leben, ist es ja so, dass die Leute sich gar nicht mehr gegenseitig verstehen wollen, habe ich manchmal den Eindruck. Das fängt bei Politik an und geht über den Umgang mit Corona bis hin zu Fragen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens. Die meisten Menschen bewegen sich am liebsten in ihrer eigenen „Blase“ und wollen sich eigentlich nur noch mit Menschen austauschen, die die eigene Meinung bestätigen.

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"Für mich hat Achtsamkeit das Potenzial, etwas viel Größeres zu bewirken: Unsere Beziehungen und sogar unsere Gesellschaft zu verändern."
Christoph Schnetter

Achtsamkeitstraining hilft, gewogener auf alles zuzugehen

Wenn ich es mal ein paar Tage nicht schaffe, mein Achtsamkeitstraining zu machen, dann merke auch ich, dass ich wieder eher dazu neige, einen Schutzschirm hochzuziehen, dass ich mich nicht ganz so offen und gelassen auf andere einlassen kann und schneller in bestimmte Reaktionsmuster zurückfalle. Wenn ich dagegen regelmäßiger übe, merke ich, dass ich einfach viel gewogener auf alles zugehen kann, was um mich herum passiert, dass ich jeden einfach so annehmen kann, wie er ist. Auch wenn ich dabei mit Meinungen und Verhaltensweisen konfrontiert bin, die meiner eigenen Haltung vielleicht komplett entgegenstehen.

Ich merke das zum Beispiel, wenn ich mich mit meiner Männergruppe treffe. Die haben wir vor über 30 Jahren gegründet, um uns über Politik, Gesellschaft und alles Mögliche auszutauschen. Auch hier gibt es natürlich immer wieder unterschiedliche Meinungen, die aufeinanderprallen – gerade in den letzten Jahren –, aber wir haben es trotz alledem geschafft, freundschaftlich verbunden zu bleiben. Dafür muss man aber immer wieder aufrichtig versuchen, den anderen zu verstehen.

Für mich ist Achtsamkeit deshalb weit mehr als irgendein Lifestyle-Trend, der das persönliche Wohlbefinden verbessert. Für mich hat Achtsamkeit das Potenzial, etwas viel Größeres zu bewirken: unsere Beziehungen und sogar unsere Gesellschaft zu verändern – hin zu mehr Kooperation, mehr Empathie, mehr gegenseitigem Verständnis.